Montessori-Arbeit in Godisang

Viele von den Kinder in unseren Kindergärten kommen aus Familien, in denen die Kinder einfach mitlaufen müssen. Oft kümmert sich keiner um sie. Viele der Kinder werden von ihren Grossmüttern aufgezogen, da ihre Mütter gestorben sind.

Ich versuche seit letztem Jahr, regelmäßig Besuche in der Kindergärten und nachmittags bei den Schulkindern zu machen.Da nehme ich Montessori-Material mit und lasse die Kinder damit arbeiten. Die Montessori-Pädagogik geht davon aus, dass in jedem Kind ein Lehrer/in steckt. Das steht im starken Kontrast zu allem, was hier in den Schulen geschieht: Man nimmt an, dass die Kinder leer sind und die Erwachsenen/LehrerInnen das Wissen in sie „hineinschütten“. Montessori dagegen hat ein anderes Bild von Lernen: Die Kinder brauchen Zeit und einen vorbereiteten Raum (mit dem entsprechenden Material), um selbst zu entdecken und zu lernen – ohne von den Erwachsenen mit Wissen „bombardiert“ zu werden.

Die Kinder fasziniert am meisten, dass ich nicht spreche, wenn ich ihnen ein Material vorführe (das ist ein Prinzip von Montessori, weil Kinder nicht gleichzeitig zuschauen und aufmerksam zuhören können). Sie schauen mich ganz fasziniert an und folgen jeder meiner Bewegung. Manche schaffen es nicht, nur zuzuschauen, sie wollen dann auch schon anfangen. Aber die Regel gilt: Zuerst mache ich meine Vorführung zuende, dann darf es eine/r von ihnen machen.

Letzte Woche hatte ich erstaunliche Erfahrung: Ich nahm das Montessori-Sprachmaterial nach Godisang mit. Schreiben zu lernen ist für alle Kinder ein großes Ziel. Bei Montessori fängt das mit Sandpapierbuchstaben an. Die jeweiligen Buchstaben sind aus rauem Sandpapier auf Tafeln geklebt, so dass die Kinder beim Nachfahren der Buchstaben mit dem Finger einen Eindruck vom Schreiben bekommen. Ich hatte 3 Buchstabentafeln mitgenommen. Ich zeigte sie einem vierjährigen Jungen. Er fuhr mit dem Finger den Buchstaben nach, dabei sagte sie den Laut des Buchstabens. Ich hatte auch noch einen Gegenstand dabei, der mit dem jeweiligen Buchstaben anfing. Nach dreimaligem Nachfragen, sagte Botshelo (= das Leben): „Jetzt will ich aber auch schreiben“. Das war eigentlich nicht so schnell vorgesehen. Aber er war so sicher, dass ich ihm gleich einen Bleistift gab – und er schrieb.Die beiden Erzieherinnen im Kindergarten waren genauso baff wie ich. Botshelo hatte vorher noch nie geschrieben.

Für mich ist es faszinierend zu sehen, wie die 150 Jahre alte Montessori-Pädagogik bei den afrikanischen Kindern „einschlägt“. Montessori hatte damals ihre pädagogischen Erkenntnisse bei Kindern in Rom ausprobiert, die völlig vernachlässigt waren, Kinder, um die sich keiner kümmerte, weil ihre Eltern mit dem Überlebenskampf beschäftigt waren. Heute – jedenfalls in Südafrika – ist Montessori-Pädagogik ein Geheimtipp bei reichen Mittelklasse-Eltern, die ihren Kindern etwas Gutes tun wollen.

Ich möchte gern, dass unsere Kinder in Tsibogang so gut wie möglich lernen können und Freude daran haben. Dafür ist das Montessori-Material ideal.

Christel Hermann

Montessori-Arbeit in Godisang